Neues von WmSch – Wrangelkiez macht Schule

Die Bildungsinitiative „Wrangelkiez macht Schule“ ist das Netzwerk der Bildungs-Einrichtungen im Wrangel- und Reichenberger Kiez. Seit 2005 arbeiten die Einrichtungen innerhalb dieses Netzwerkes kontinuierlich an der Verbesserung der Bildungschancen für alle Kinder und Jugendlichen im Gebiet.

Die neuen Termine des WmSch-Plenums sind im Programm zu finden. Nächster Termin ist der 29. Januar.

Das Protokoll des letzten Plenums gibt es hier und ein Postionspapier findet Ihr hier.

Haus der solidarischen Nachbarschaften

Die AG-G51 ist eine Nachbarschaftsgruppe, die sich für das „Haus der solidarischen Nachbarschaften “ einsetzt.

Unterschiedliche Nachbar*innen und soziale Einrichtugnen aus dem Wrangelkiez in Berlin-Kreuzberg kämpfen dafür, dass ein denkmalgeschütztes Schulgebäude, das 2007 vom Bezirk privatisiert wurde, rekommunalisiert wird bzw. wieder dem Gemeinwohl als integratives, soziales Projektehaus für alle Bedarfe und Gruppen aus der Nachbarschaft zur Verfügung steht (Obdach-und Wohnungslosigkeit, Kinderbetreuung, Kunst- und Kultur, intergeneratives Lernen, uvm.).

Die Gruppe trifft sich jede Woche – immer montags und donnerstags im Wechsel
17:30 Uhr bis ca. 18:30 Uhr

nächste Termine

Montag 21.01.2019 im Kreativraum Falckensteinstr, dann
Donnerstag 31.01.2019 im Raum Spreewaldplatz
usw.

Auf der Website von Bizim Kiez gibt`s weitere Informationen:

https://www.bizim-kiez.de/blog/tag/kurt-held-grundschule/

https://www.bizim-kiez.de/blog/tag/goerlitzer-51/

 

 

 

 

 

Straßenbahn zum Hermannplatz

Anwohner*innenversammlung Tram-Verlängerung

Die AG Tram – ein Netzwerk von Initiativen aus Neukölln (Reuterkiez) und Kreuzberg (überwiegend Wrangelkiez) – führte am Donnerstag 22.11. abends um 19:30 im Kiezanker Cuvrystraße 13/14 eine Anwohner*innenversammlung durch. Dabei ging es u.a. um die Auswertung des Bürger*innendialogs am 15.11. (siehe unten) und vor allem um eine Diskussion der verschiedenen Varianten für die Streckenführung.

Fazit der Veranstaltung:

Kleinste gemeinsame Nenner im Stimmungsbild bzgl. Forderungen

  • Keine Querung Görlitzer Park
  • konkrete Bedarfsanalyse bzgl. Tramverlängerung im Einzugsbereich (fehlt bisher)
  • wirkliche Beteiligung fordern (bspw. Anwohner*innenvertretung in Planung)

Gemeinsames Anliegen der Runde/erste Aktion:

  • Information über Planungen streuen (Flugblatt etc), da viel zu wenig Menschen über die Planungen bisher wissen = Grundsätzliches Problem

Auf jeden Fall waren die Anwesenden von der bisherigen Planung nicht übetzeugt.

Nächster Termin: 6.12. 19:00, Jugendclub Manege auf dem Campus Rütli, Rütlistr. 1-3, 12045 Berlin-Nekölln (Zugang über Weserstr. / erstes Haus auf der rechten Seite)

Mehr dazu aus der Veranstaltung vom 15. November 2018

Das ÖPNV-Angebot zwischen dem S+U-Bhf. Warschauer Straße und dem U-Bhf. Hermannplatz soll durch den Ausbau des Straßenbahnnetzes verbessert werden. Die Straßenbahn soll die Aufgabe übernehmen, den Umweltverbund in den Bezirken Friedrichshain-Kreuzberg und Neukölln zu stärken. Die Ausweitung des Angebotes im ÖPNV reagiert auf sich verändernde Mobilitätsanforderungen in der Stadt. Die Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz untersucht aktuell verschiedene Varianten der Trassenführung für die Strecke.

Jeder kann sich online beteiligen unter www.mein.berlin.de,

Informative Links zum Stand der Planung:

Weitere Informationen aus der Senatsverwaltung für Verkehr

Die Einladung zur o.g. Veranstaltung mit weiteren Infos als PDF-Datei

Die Varianten (Stand Oktober 2018 – Dateigröße > 2MB)

Einstiegsseite Senatsverwaltung / Verkehr:  https://www.berlin.de/senuvk/verkehr/

Einstiegsseite M10: https://www.berlin.de/senuvk/verkehr/politik_planung/oepnv/netzplanung/de/tram_hermannplatz.shtml

Präsentation beim Bürgerdialog am 15.11.2018: https://www.berlin.de/senuvk/verkehr/politik_planung/oepnv/netzplanung//download/2018_11_15_Praesentation_Warschauer-Hermannplatz.pdf

Webseite von Nexus, die in Neukölln und anderen Bezirken die Bürgerbeteiligung durchführen: https://www.nexusinstitut.de/
Von Nexus ist Frau Dr. Angela Jain zuständig.

Webseite der Planergemeinschaft: https://www.planergemeinschaft.de/
Von der Planergemeinschaft sind Dr. Ursula Flecken und Paul-Martin Richter zuständig.

Kiezkultur – Veranstaltung am Sonntagnachmittag

Was macht deinen Kiez aus? Was ist für dich Kiezkultur? Zusammen mit dir wollen wir darüber reden, wie es jetzt ist, was sich verändert und welche Rolle du darin spielen kannst.

Komm am Sonntag, 25.11.2018 von 15:00 bis 20:00 Uhr
in den Kiezanker 36, Familien- und Nachbarschaftszentrum Wrangelkiez in der Cuvrystr. 13-14, 10997 Berlin (im Durchgang zwischen Falckenstein- und Cuvrystr.)

Einzelpersonen, Initiativen und Gewerbetreibende sind herzlich willkommen in kleinen Gruppen zu diskutieren:

Was ist Kiezkultur?
Wer und Was spielt dabei eine Rolle, welche (gewollten und ungewollten) Veränderungen sind in euren Kiezen zu erkennen?
Ideenrunde
Was fällt dir/euch ein? Wo und wie haben sich bereits Nachbarschaft oder Kleinhandel für Kiezkultur und deren Orte zusammengetan?
Selber machen
Was kannst du dir vorstellen? Wie kannst du selbst aktiv sein?

Die ganze Einladung als PDF-Datei: Hier klicken.
Wenn du vorbeikommen möchtest, melde dich bitte unter:
kiezkultur@riseup.net

Nachbarschaft

Es gibt viele Themen, die uns in unseren Kiezen beschäftigen: Armut und Reichtum, Wohnen und Mieten, Verkehr, Bildung und Freizeit, Kultur – und selbstverständlich Nachbarschaft. Das ist wahrscheinlich vielerorts so, doch bei uns, im Wrangel- und Reichenberger Kiez, kümmern sich besonders viele Menschen um ihr Umfeld. Nachbar*innen finden zusammen, tauschen sich aus, teilen Erfahrungen und suchen Wege, sich selbst und untereinander zu helfen – von sich aus und gemeinsam. Sie setzen dabei auf Solidarität, also den Zusammenhalt und die gemeinsamen Interessen. Jede*r kann hier mitmachen und etwas bewirken.

Die Blockschrift berichtet von Themen, die alle in der Nachbarschaft angehen und will helfen, dass sich noch mehr Menschen informieren und an den öffentlichen Debatten beteiligen. Dies gilt besonders für Nachbar*innen, denen die sogenannten sozialen Medien fremd sind oder die sie bewusst nicht nutzen. Jede Ausgabe soll ein Schwerpunktthema aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchten. Wir beginnen mit dem Thema »Nachbarschaft«, das von einer Anwohner*innenredaktion recherchiert wurde. Die Blockschrift ist eine kostenlose Zeitung und soll an vielen Orten ausliegen, damit alle auch zufällig darüber stolpern können.

Diese Ausgabe ist vom Projektfonds Kulturelle Bildung finanziert. Schreibt uns, welche Themen Euch auf den Nägeln brennen. Wir würden gern bald ein nächstes Heft planen. Zunächst hoffen wir, dass die erste Blockschrift Euch anregt, noch viel mehr mitzumischen als bisher.

 

Die aktive Form der Nachbarschaft

Text: Magnus Hengge

Der Schatten über der Stadt

„Die Wohnungskrise ist zum bestimmenden Lebensgefühl in den Städten geworden.“ Diesen Satz bringt zum Ausdruck, dass das urbane Zusammenleben unter einem dunklen Schatten steht: Der Angst, den Wohnraum – oder bei Kleingewerbetreibenden den Geschäftsraum – bald nicht mehr bezahlen zu können. Das nimmt den Menschen die Lebensfreude und die Perspektive. So empfinden laut einer Caritas-Umfrage fast drei Viertel aller Berliner*innen. Sie fürchten, sich ihre Wohnung in den nächsten zwei Jahren nicht mehr leisten zu können.

Bei manchen löst dieses Gefühl von ständigem Druck den Wunsch aus, sich der Innenstadt möglichst zu entziehen. Sie denken sich „bloß weg hier“ und sind empfänglich für „Umzugsprämien“, die ihnen vielleicht ein paar Monate helfen, um sich dann irgendwo am Rand der Stadt wiederzufinden – herausgerissen aus den bisherigen sozialen Netzen und nachbarschaftlichen Beziehungen. Es soll hier niemand beschuldigt werden, denn im Einzelfall sind die Begründungen mit Abfindung zu gehen schlüssig. Doch im Kiez bleibt von diesen Fällen eine preistreibende Hinterlassenschaft – eine freigewordene Wohnung im Bestand, die saniert werden kann, um vorbei an der lächerlichen Mietpreisbremse zum Höchstpreis zurück in den Markt gebracht zu werden. Ein gefundenes Fressen für nimmersatte Manager*innen in den Immobilienunternehmen und die Anleger*innen dahinter.

Bei vielen aber entsteht durch die Verschärfung der Wohnungskrise und die Skrupellosigkeit der Immobilienwirtschaft eine schon vergessen geglaubte Politisierung und das Gefühl eines „gemeinsamen Problems“ lässt eine neue gesellschaftliche Zusammenhalt wachsen. Denn den Druck bei den Wohn- bzw. Mietkosten verspüren inzwischen nicht mehr nur diejenigen, mit geringen Einkommen. Auch bei Menschen mit „guten Jobs“ wird es immer enger – entweder direkt finanziell weil der Anteil vom Einkommen, der für Wohnen gebraucht wird steigt, oder weil Familien mit Zuwachs keine Chance haben, angemessenen und bezahlbaren Wohnraum zu finden. Sie „verdichten nach innen“, bauen zweite Etagen und Regalwände ein und reduzieren ihre Ansprüche trotz steigender Kosten.

„Ihr sollt bei uns bleiben!“

Im Frühjahr 2018 veröffentlichten wir bei Bizim Kiez die Geschichte einer jungen Familie aus der Lübbener Str. Die Nachbarschaft kam zusammen und stellte sich solidarisch an die Seite der Familie. „Wir wollen euch nicht verlieren“ – das sagten Menschen, die zu der Familie bisher gar keinen Bezug hatten, außer eben, dass sie Nachbar*innen sind. In dieser Haltung wird spürbar, was „Nachbarschaft“ ausmachen kann. Es wird nicht gefragt: „Kannst du es dir leisten, hier zu leben?“ Die Entscheidung der Einzelnen für diesen Ort wird respektiert und ist gesetzt: „Wenn du hier als Teil des Kiez’ lebst, wollen wir nicht, dass du rausgeworfen wirst. Wenn wir das bei dir zulassen, trifft es uns bald alle.“

Diese Vorstellung kann natürlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir als Solidargemeinschaft nur „weiche Werkzeuge“ in der Hand haben. Vor Gericht kann nicht eine ganze Hausgemeinschaft oder gar Nachbarschaft irgendwelche Rechte geltend machen. Aber wir können in diesen Gruppen – und insbesondere zusammen mit mehreren Initiativen – starken öffentlichen Druck aufbauen.

Ein exemplarischer Fall war die versuchte Verdrängung der Familie in der Sorauer Str. Eine Frau (Schauspielerin) lebte als WG mit einer anderen in einer gemieteten Eigentumswohnung. Sie half in der Zeit, in der auch in unserer Nachbarschaft Geflüchtete in Turnhallen untergebracht waren, in der Notunterkunft in der Zeughofstraße. Wie das Leben so spielt: sie und einer der Geflüchteten verliebten sich und schon bald erwarteten sie ein Baby. Die WG löste sich auf und die Familie zog zusammen. Eine Erfolgsgeschichte von funktionierender Integration.

Nun ist es aber so, dass Vermieter bei Mieterwechsel in WGs nicht einfach zustimmen können oder gar müssen, sondern es muss ein neuer Mietvertrag geschlossen werden. In diesem Fall wollte der Vermieter die Familie nicht annehmen und er verlangte von der Mieterin die Räumung. Besonders perfide daran: Der Vermieter ist selbst Richter am Sozialgericht und weiß daher ganz genau, was diese Räumung für die Familie bedeutet hätte – in letzter Konsequenz: Wohnungslosigkeit. Die Nachbarschaftsinitiative Bizim Kiez hörte davon und machte den Fall groß. Innerhalb kürzester Zeit demonstrierte eine bunte Mischung von Nachbar*innen vor dem Haus und alle Zeitungen berichteten sehr pointiert. Besonders schön daran: Neben den vielen Mieter*innen aus dem Kiez demonstrierten auch die anderen Eigentümer*innen aus dem Haus an der Seite der bedrängten Familie. Das Haus ist schon seit 30 Jahren in Eigentumswohnungen aufgeteilt und die Eigentümergemeinschaft schrieb ihrem Eigentümerkollegen einen missbilligenden Brief, in dem er aufgefordert wurde, der Familie einen bezahlbaren Mietvertrag zu geben. Doch eine Reaktion blieb trotzdem zunächst aus und es lief auf die Verhandlung vor Gericht hinaus. Begleitet von einer Gruppe Nachbar*innen ging die Familie ungewiss zur Verhandlung und siehe da: Der Vermieter hatte kurz vor Prozesseröffnung die Klage zurückgezogen – die Räumung war vom Tisch. Wir können es nur vermuten, aber die Wahrscheinlichkeit, dass da über den Flurfunk von entscheidendem Richter zu klagendem Richter weitergesteckt wurde, wie der Fall entschieden werde, ist wohl recht hoch. Die Blöße vor Gericht zu verlieren, wollte sich der Vermieter nicht geben. Fazit: Ohne öffentlichen Druck aus der Nachbarschaft, wäre diese nette Familie sang und klanglos verdrängt worden.

„Wir sind immer die Dummen“

Wir dürfen uns aber keine Illusionen darüber machen, dass auch unter Nachbar*innen gelebte Solidarität weitgehend verlernt ist. Wir haben Jahrzehnte des gesellschaftlichen Neoliberalismus hinter uns, wo alle dachten „erstmal für das eigene Auskommen“ sorgen zu müssen. Das haben die meisten so verinnerlicht, dass sie angesichts der Preissteigerungen denken, „ich könnte doch auch mal davon profitieren“. Bei der Frage, ob es gerecht ist, dass mit den Häusern in unseren Kiezen einzelne riesige Gewinne abschöpfen, während Mieter*innen immer höhere Mieten bezahlen müssen, sind sich alle einig: nein! Wenn sich aber die Chance auftut, plötzlich selbst von den Preissteigerungen zu profitieren, kommen manche in Versuchung. Der Gedanke selbst die eigene Wohnung zu besitzen, um sie dann irgendwann mit großem Gewinn zu verkaufen, ist sehr verlockend. Aus dem Gefühl heraus, immer abgezockt zu werden und der/die Dumme zu sein, denken manche egoistisch es wäre gerecht, nun auch mal selbst was vom Kuchen abzubekommen.

Dazu hing an der Kreuzung Oranienstr./Manteuffelstr. eine Zeit lang ein treffendes Protestplakat: „Töte den Investor in dir“. Genau darum geht es. Die Idee des privaten Abschöpfens von finanziellen Gewinnen muss aus unseren Köpfen raus. Es ist immer ein Verlustgeschäft, wenn einzelne auf Kosten anderer Kasse machen. Solange wir daran glauben, selbst als spekulierende Gewinner*innen aus der Misere der Wohnungsnot herauszugehen, sind wir wirklich die Dummen. Solidarische Nachbarschaften setzen sich dafür ein, dass kollektive Eigentumsverhältnisse umgesetzt werden – also für Rekommunalisierung oder die Überführung in gemeinschaftlich privatwirtschaftliche Formen wie beim Mietshäuser Syndikat, Genossenschaften oder einem Community Land Trust (CLT).

Ein Werkzeug, gegen die Spekulation, ist das „kommunale Vorkaufsrecht für Dritte“. Im Verfahren gibt es noch reichlich Probleme, aber in „Milieuschutzgebieten“ kann der Bezirk erwirken, dass Häuser nicht an Menschen oder Firmen verkauft werden, die es nur auf den spekulativen Profit abgesehen haben. Der Bezirk kann sich „für Dritte“ einsetzen, die dann allerdings zum aufgerufenen Preis das Haus übernehmen können. Das ist genau der Moment, an dem die/der kleine Investor*in erwacht und manche Bewohner*innen eines verkauften Hauses denken, „na dann stemmen wir das doch selbst – wir kaufen unser Haus“. Zur Refinanzierung könnten die Wohnungen dann ja wieder verkauft werden. Aber da wird ein entscheidender Faktor vergessen. So blöd ist der Bezirk auch nicht, dass er das Abkassieren einfach von Großinvestor*innen auf Kleineigentümer*innen verlagern würde. Nein, der Schlüssel zur Absicherung der Immobilien gegen die Verwertung am Markt (=Gemeinwohlorientierung) ist die „Abwendungsvereinbahrung“. Mit ihr bestimmt der Bezirk, was er von der/dem Käufer*in erwartet. Z.B: Keine teuren Modernisierungen und keine Aufteilung in den nächsten 25 Jahren. Nur wenn dies vertraglich zugesichert wird, stimmt der Bezirk dem Verkauf zu. Und das gilt für jede/n Käufer*in – auch den begünstigten Dritten. So wird Abzocken ausgeschlossen und die bestehenden Wohnverhältnisse gesichert.

Ein gemeinsamer Aufbruch

Lange Jahrzehnte waren unsere Kieze von einer Protesthaltung geprägt, die gegen alle Institutionalisierung aufbegehrte. Doch wenn wir schauen, wo heute die Anker sind, die das Viertel gegen die Flut des Geldes und dem Sog der Gentrifizierung befestigen, dann sind es die Hausvereine, Genossenschaften und ähnliche Modelle, die Kooperationen mit staatlichen oder gemeinwohlorientierten Akteuren eingegangen sind.

Heute entwickeln wir auf kommunaler Ebene neue Modelle (z.B. CLT), oder entdecken die alten (wie das Vorkaufsrecht) wieder. Im Sinne eines „neuen Munizipalismus“ sollten wir aus der Zivilgesellschaft heraus versuchen, stark in die Bezirksverwaltung einzuwirken und im Zusammenspiel mit den Ämtern die Genehmigungspraxis zu ändern. Im Bereich Stadtentwicklung ist der Veränderungsprozess in unserem Bezirk schon deutlich spürbar und findet gerade neue Formen. Etwa über die bisher sogenannte „Arbeits- und Koordinierungsstruktur (AKS)“, mit der die Zusammenarbeit zwischen Zivilgesellschaft und Verwaltung auf ein kooperatives Niveau gebracht werden soll. Auch beim Neubau auf kommunalen Flächen wird nun konsequent auf Beteiligung der Nachbarschaften gesetzt („LokalBau“), um die Stadtentwicklung im Bezirk etwas besser an die tatsächlichen Bedarfe anzupassen und nicht hoffnungslos dem Treiben am Markt ausgeliefert zu sein.

Aber machen wir uns nichts vor. Das geschieht nur auf Grund des Drucks. Zum einen durch den Druck von oben (=Verdrängung), aber noch viel stärker durch den Druck von unten (=Organisierung). Wir, die Menschen in der Nachbarschaft – auch als organisierte Initiativen – wir sind der Motor dieser Bewegung. Einer emanzipatorischen Bewegung für das „Recht auf Stadt“, die Schwache stark machen will – als Solidargemeinschaft.

Der Kiezriese

Das Märchen vom Kiezriesen haben sich Kiezanker36-Theater-kinder ausgedacht: Hannah, Pepa, Emma und Mara (8–10 Jahre alt)

Es war einmal ein Riese. Der lebte in einer dunklen Höhle und fraß jeden Tag einen Menschen. Er hatte Zauberkräfte, und mit denen konnte er sich unsichtbar machen. So gelangte er unauffällig in den Wrangelkiez und schnappe sich einen Bewohner nach dem anderen. Irgendwann gab es nur noch einen Menschen. Einen ganz besonderen Menschen. Nämlich einen kleinen frechen Jungen. Er entdeckte die Höhle des Riesen und schlich hinein.
Da sagte er zum Riesen: Spuck sofort meine Kieznachbarn aus. Sonst knallt’s
Da kriege ich aber schreckliche Angst, sagte der Riese und lachte sich kaputt. Es war das erste Mal, dass der grummelige Riese lachte. Er freute sich riesig und sprach zu dem Jungen: »Danke, du hast mich zum Lachen gebracht. Als Dankeschön schenke ich dir deine Freunde und Familie wieder:« Er machte den Mund weit auf, steckte die Zunge heraus und die Kiesbewohner kletterten heraus. zusammen veranstalteten sie ein großes Fest und aßen gemeinsam Kuchen. der schmeckte dem Riesen so gut, dass er nie wieder etwas anderes aß.

 

Was wir hier brauchen?

Text: Lausebleibt-Vernetzungs-AG

Vorspann: Die Pläne für einen einen Google Campus in der Ohlauer Straße sind vom Tisch, aber Verdrängungen durch Tech-Konzerne weiter aktuell

Besetzung der Google-Räume | Friedlicher Protest 7.9.2018 | Foto: Umbruch Bildarchiv e.V.

Besetzung der Google-Räume | Friedlicher Protest 7.9.2018 | Foto: Umbruch Bildarchiv e.V.

Eine Stecknadel als Zeichen des Protests auf einem Stadtplan: Noch bevor Google seinen Rückzug aus dem ehemaligen Umspannwerk in der Ohlauer Straße bekanntgab, verzeichnete eine Online-Karte namens ›Google ist kein guter Nachbar‹ über 400 Einträge von Anwohner*innen, Gewerbetreibenden, Vereinen und sozialen Einrichtungen. Sie alle wandten sich gegen den Google Campus, den der Internet-Konzern hier ansiedeln wollte.

Im Campus sollten ausgewählte Start-Ups gefördert werden. Das Drohszenario einer solchen Unternehmung: Sie und weitere Start-ups ziehen in die Nähe ihres Unterstützers. Das Risikokapital ihrer Investor*innen ermöglicht es diesen Firmen, weitaus höhere Gewerbemieten als bisher üblich zu zahlen. Gleichzeitig trägt der Campus dazu bei, die Gegend in einen hippen Ort für Tech-Arbei- ter*innen zu verwandeln. Auf ihre Bedürfnisse und Lebenskultur richtet sich auch die lokale Ökonomie notwendigerweise aus – es gibt  also noch mehr teure Cafés, Restaurants und Bars, und auch die Mietpreise für Wohnungen steigen.

Aktion ›Kick Google aus dem Kiez‹ | Kundgebung in der Ohlauer Straße, 14.6.2018 | Foto: Gloreiche Nachbarschaft

Aktion ›Kick Google aus dem Kiez‹ | Kundgebung in der Ohlauer Straße, 14.6.2018 | Foto: Gloreiche Nachbarschaft

Die Entwicklungen in London und San Francisco bestätigen diese Befürchtungen. In London eröffnete Google 2012 einen Cam pus in Shoreditch. In der Folge verdoppelten sich in nur zweieinhalb Jahren die Quadratmeterpreise für Gewerbe. Bars und Cafés mit happigen Preisen dominieren nun die Gegend. In San Francisco, das in unmittelbarer Nähe zum Silicon Valley liegt, dem Hauptsitz von Google, beträgt die mittlere Monats- miete für eine Einzimmerwohnung um die 3.500 US-Dollar (2.975 Euro), für eine Dreizimmerwohnung sogar mehr als 5.000 US-Dollar (4.250 Euro). Die Zahl der Zwangsräumungen erreicht hier jedes Jahr neue Rekordwerte.

In Kreuzberg hatte sich seit Monaten ein breiter Widerstand gegen die Eröffnung des Google Campus formiert. Neben dem ›No google Cam-pus-Bündnis‹, dem engagierte Nachbar*innen aus Kreuzberg, Neukölln und Treptow sowie die Initiativen ›GloReiche Nachbarschaft‹, ›Lause Bleibt‹ und ›Bizim Kiez‹ angehören, zählten das › Anti-Google-Café‹ in der Bibliothek ›Kalabal!k‹, der ›Counter Campus‹ der kommunistischen Gruppe TOP B3rlin, die technikkritischen Anarchist/innen von ›Google Campus Verhindern‹, ›Fuck Off Google‹ und die Gruppe ›#besetzen‹ dazu. Sie führten Kundgebungen, Lärmdemos und Kiezspaziergänge durch, erstellten und verteilten Broschüren und Info-Materialien. Zuletzt hatte ›#besetzen‹ mit einer Besetzung des Umspannwerks für Aufsehen gesorgt.

In das Umspannwerk sollen nun die Spenden-plattform Betterplace und der Kinder- und Jugendhilfeverein Karuna einziehen, Google will die Umbauten finanzieren und ihre Miete für fünf Jahre übernehmen. Dass der Campus nicht eröffnet wird, ist ein großer Erfolg für den vielfältigen Protest – Widerstand lohnt sich. Nichtsdestotrotz gilt es, die weiteren Entwicklungen kritisch zu verfolgen. Zudem blei ben Kreuzberg und seine angrenzenden Bezirke Teil größerer stadt- und wirtschaftspolitischer Veränderungen, die durch die Ansiedlung von Tech-Unternehmen weiter angetrieben werden. Die ständige Betonung von ›community‹, ›diversity‹ und ›creativity‹ der Start-up Campus und Hubs sind nur hohle Phrasen, die das dahinterstehende Profitstreben kaum zu verschleiern vermögen. So hat etwa Marc Samwer, Mitbegründer des Internet-Unternehmens Rocket Internet, im Mai 2016 die alte Paketstation an der Skalitzer Straße gekauft. Sie wird nun nach und nach als Start-up-Paradies ausgebaut. Die Postfiliale muss weichen. Auch mit den Konzerten im ›Privatclub‹ könnte bald Schluss sein, der Mietvertrag läuft im Oktober 2022 aus.

In Treptow, am Rande des Görlitzer Parks, wurden im September 2016 rund 150 Gewer betreibende und Selbstständige sowie ein Ausbildungsrestaurant verdrängt, damit das Unternehmen ›Factory Berlin‹ die frühere Agfa- Fabrik in der Lohmühlenstraße übernehmen konnte. Bürgermeister Michael Müller, dem ein ›Silikon Valley in Berlin‹ vorschwebt, begrüßte damals ›das größte Clubhaus für Start-ups in Europa‹, der Senat den ›Digitalisierungs-Hub Internet of Things‹. Seither sind im angrenz enden Karl-Kunger-Kiez und Umgebung die Mieten merklich angestiegen. Wie viele andere in der Nachbarschaft sind auch wir als Initiative ›Lause bleibt‹ vom Mieten- Boom, den Tech-Unternehmen auslösen, betroffen. Manche Mieter*innen haben neue Verträge mit bis zu 80 Prozent höheren Mieten angeboten bekommen, andere sollen gleich verschwinden. Als Sitz zahlreicher politischer Initiativen, als Arbeitsplatz für viele oftmals prekär beschäftigte Kreativarbeiter*innen und als Wohnort – für manche seit über 40 Jahren – sehen wir uns nicht als isoliertes Hausprojekt, sondern als Teil des Kampfes für eine Stadt für alle.

Interkuhle | Gespräch in der Kuhle

mit Nadja Wagner, Daniel Spülbeck, Coni Pfeiffer

Coni, Nadja, Jara und Daniel (v.l.n.r.), Foto von Ben

INTERVIEW: Heba Choukri

BS: Was verbindet ihr mit dem Görlitzer Park? Nadja: Ich kenne den Görlitzer Park schon ewig, seitdem ich hierhergezogen bin. Das war 1990 und der Park war ganz wild und natürlich. Wir saßen am Lagerfeuer, haben Musik gemacht. Es ging um Freizeit und darum, Leute zu treffen. Und eigentlich fanden wir es doof, dass der Park kultiviert werden sollte. Wir fanden ihn, so wild wie er war, ganz schön.

Daniel: Für mich war der Görlitzer Park total wichtig, da das immer der Weg zu Nadja war. Nadja hatte auf der einen Seite gewohnt und ich auf der anderen. So habe ich den Görli kennengelernt. Später haben wir hier viel Zeit mit unseren Kindern verbracht. Nadja: Nette Nachbarn getroffen.

Daniel: Nach ’ner Weile war’s wie auf’m Dorf. Man ist Leuten begegnet. Man kannte sie irgendwann.

BS: Seit wann habt ihr eure Bäckerei ›Filou‹, die ihr zwei Straßen weiter betreibt?

Daniel: Seit 2001. 18 Jahre? 17 Jahre?

BS: Plötzlich ging auch hier im Park eine unschöne Nachricht wie ein Lauffeuer um. Eure Kündigung. War dies überraschend für euch und was habt ihr getan, um euch dagegen zu wehren?

Daniel: Nein, es war klar, dass eine Vertragsverlängerung anstand. Wir hatten einen Fünf-Jahresver-trag, der sich eigentlich immer automatisch verlängerte. Aber es gab Anzeichen, dass es schwierig wer-den könnte. Nach der ersten Schockstarre haben wir ›Wem gehört Kreuzberg‹ geschrieben. Die verwiesen auf ›Bizim Kiez‹. Aber parallel dazu – und ich glaube, das war auch ausschlaggebend – haben wir jedem, der es hören oder auch nicht hören wollte, die Story erzählt: Wir sind gekündigt.

Nadja: Wir haben die Nachbarschaft informiert und der Zuspruch hat uns Mut gegeben. Immer mehr Leute interessierten sich dafür und mir kam es so vor, als ob viele Nachbarn aus einem Dornröschen-schlaf erwachten. Ich habe das Thema Gentrifizie-rung eigentlich auch erst ab diesem Zeitpunkt so richtig wahrgenommen. Irgendwie sind wir alle betroffen. Dieses zu thematisieren und Leute auf-zurütteln, fand ich wichtig.

BS: Daraufhin gründete sich die Initiative ›GloReiche Nachbarschaft‹. Hattet ihr mit dem erfolgreichen Ergebnis gerechnet?

Daniel: Als wir anfingen zu protestieren, wollten wir diesen Leuten zeigen, dass es nicht ohne Gegen-wind geht. Ich hatte aber nicht damit gerechnet, dass wir damit Erfolg haben könnten. Und erst recht nicht einen Erfolg in dieser Form, dass wir wahrscheinlich weit und breit das einzige nahezu un künd bare Gewerbe sind.

BS: Was hat sich für euch verändert? Was nehmt ihr mit? Was könnt ihr weitergeben?

Daniel: Mitgenommen habe ich, dass man in eine existentielle Krise kommen kann und eben nicht alleine ist. Das ist die geilste Erfahrung! Menschen, die ich zum Teil noch nie gesehen habe, wenden für mich Stunden Arbeitszeit auf – fantastisch! Unterm Strich ist Kreuzberg dadurch nochmal deutlich ein Stück mehr Heimat für mich geworden. Und ich glaube, für viele andere auch. Wenn ich morgens zur Arbeit komme und aus dem Auto aussteige, denke ich: »Ja, hier bin ich zu Hause«. Ich glaube, diese Geschichte hat im ganzen Kiez die Atmosphäre verändert. Coni: Mir ging’s auch so. Ich habe mich damals als Nachbarin quasi dazugesellt. Ich war bei der ersten Veranstaltung mit dabei. Hab zu meinem Mann gesagt: »Mensch, da müssen wir hin! Das kann ja nicht sein! Guck mal, was da passiert!« Natürlich war es toll, wie viele Leute da waren, wie schnell wir uns organisiert und wir auch tatsächlich Dinge realisiert haben. Und wie schnell wir auch immer mehr wurden. Von der ersten Kundgebung im Januar mit 40 bis 50 bis hin zu der großen Demo Ende Februar mit 2.500 Leuten. Es war wichtig, dass wir für andere unser eigenes Gesicht zeigen. Auch Solidarität mit all den anderen, die du nie gesehen hast, zeigst. Ja, das war großartig! Ich bin 2007 in den Kiez gezogen. Ein Stück weit wollte ich da auch anonym unterwegs sein, da ich aus einer Kleinstadt komme. Wenn ich heute auf die Straße gehe, treffe ich Menschen, mit denen wir gemeinsam das ›Filou‹ gerettet haben. Das ist toll. Denn daraus ist die ›Glo-Reiche Nachbarschaft‹ entstanden. Innerhalb der GloReiche geht es vielen so: »Jetzt können wir ein-fach nicht mehr länger auf der Couch sitzen bleiben, jetzt wollen wir was bewegen. Wir haben doch nichts zu verlieren!« Natürlich sind es ernste The-men. Keine Frage, das kann man nicht wegdiskutie-ren, aber die Ideen, die wir bereits realisiert haben und noch werden, machen großen Spaß. Gemein-sam etwas zu tun, gemeinsam etwas zu erschaffen, das ist richtig schön.

Daniel: Und vor allem, wenn es auch noch Erfolge zeigt, wie es auch einige Male war – tatsächlich Exis-tenzen gerettet werden. Meine Erfahrung aus dem Ganzen ist: Es gibt drei wichtige Dinge, die man in so einer Situation machen muss, erstens mit Leuten reden, zweitens mit Leuten reden und drittens mit Leuten reden.