Interkuhle | Gespräch in der Kuhle

mit Nadja Wagner, Daniel Spülbeck, Coni Pfeiffer

Coni, Nadja, Jara und Daniel (v.l.n.r.), Foto von Ben

INTERVIEW: Heba Choukri

BS: Was verbindet ihr mit dem Görlitzer Park? Nadja: Ich kenne den Görlitzer Park schon ewig, seitdem ich hierhergezogen bin. Das war 1990 und der Park war ganz wild und natürlich. Wir saßen am Lagerfeuer, haben Musik gemacht. Es ging um Freizeit und darum, Leute zu treffen. Und eigentlich fanden wir es doof, dass der Park kultiviert werden sollte. Wir fanden ihn, so wild wie er war, ganz schön.

Daniel: Für mich war der Görlitzer Park total wichtig, da das immer der Weg zu Nadja war. Nadja hatte auf der einen Seite gewohnt und ich auf der anderen. So habe ich den Görli kennengelernt. Später haben wir hier viel Zeit mit unseren Kindern verbracht. Nadja: Nette Nachbarn getroffen.

Daniel: Nach ’ner Weile war’s wie auf’m Dorf. Man ist Leuten begegnet. Man kannte sie irgendwann.

BS: Seit wann habt ihr eure Bäckerei ›Filou‹, die ihr zwei Straßen weiter betreibt?

Daniel: Seit 2001. 18 Jahre? 17 Jahre?

BS: Plötzlich ging auch hier im Park eine unschöne Nachricht wie ein Lauffeuer um. Eure Kündigung. War dies überraschend für euch und was habt ihr getan, um euch dagegen zu wehren?

Daniel: Nein, es war klar, dass eine Vertragsverlängerung anstand. Wir hatten einen Fünf-Jahresver-trag, der sich eigentlich immer automatisch verlängerte. Aber es gab Anzeichen, dass es schwierig wer-den könnte. Nach der ersten Schockstarre haben wir ›Wem gehört Kreuzberg‹ geschrieben. Die verwiesen auf ›Bizim Kiez‹. Aber parallel dazu – und ich glaube, das war auch ausschlaggebend – haben wir jedem, der es hören oder auch nicht hören wollte, die Story erzählt: Wir sind gekündigt.

Nadja: Wir haben die Nachbarschaft informiert und der Zuspruch hat uns Mut gegeben. Immer mehr Leute interessierten sich dafür und mir kam es so vor, als ob viele Nachbarn aus einem Dornröschen-schlaf erwachten. Ich habe das Thema Gentrifizie-rung eigentlich auch erst ab diesem Zeitpunkt so richtig wahrgenommen. Irgendwie sind wir alle betroffen. Dieses zu thematisieren und Leute auf-zurütteln, fand ich wichtig.

BS: Daraufhin gründete sich die Initiative ›GloReiche Nachbarschaft‹. Hattet ihr mit dem erfolgreichen Ergebnis gerechnet?

Daniel: Als wir anfingen zu protestieren, wollten wir diesen Leuten zeigen, dass es nicht ohne Gegen-wind geht. Ich hatte aber nicht damit gerechnet, dass wir damit Erfolg haben könnten. Und erst recht nicht einen Erfolg in dieser Form, dass wir wahrscheinlich weit und breit das einzige nahezu un künd bare Gewerbe sind.

BS: Was hat sich für euch verändert? Was nehmt ihr mit? Was könnt ihr weitergeben?

Daniel: Mitgenommen habe ich, dass man in eine existentielle Krise kommen kann und eben nicht alleine ist. Das ist die geilste Erfahrung! Menschen, die ich zum Teil noch nie gesehen habe, wenden für mich Stunden Arbeitszeit auf – fantastisch! Unterm Strich ist Kreuzberg dadurch nochmal deutlich ein Stück mehr Heimat für mich geworden. Und ich glaube, für viele andere auch. Wenn ich morgens zur Arbeit komme und aus dem Auto aussteige, denke ich: »Ja, hier bin ich zu Hause«. Ich glaube, diese Geschichte hat im ganzen Kiez die Atmosphäre verändert. Coni: Mir ging’s auch so. Ich habe mich damals als Nachbarin quasi dazugesellt. Ich war bei der ersten Veranstaltung mit dabei. Hab zu meinem Mann gesagt: »Mensch, da müssen wir hin! Das kann ja nicht sein! Guck mal, was da passiert!« Natürlich war es toll, wie viele Leute da waren, wie schnell wir uns organisiert und wir auch tatsächlich Dinge realisiert haben. Und wie schnell wir auch immer mehr wurden. Von der ersten Kundgebung im Januar mit 40 bis 50 bis hin zu der großen Demo Ende Februar mit 2.500 Leuten. Es war wichtig, dass wir für andere unser eigenes Gesicht zeigen. Auch Solidarität mit all den anderen, die du nie gesehen hast, zeigst. Ja, das war großartig! Ich bin 2007 in den Kiez gezogen. Ein Stück weit wollte ich da auch anonym unterwegs sein, da ich aus einer Kleinstadt komme. Wenn ich heute auf die Straße gehe, treffe ich Menschen, mit denen wir gemeinsam das ›Filou‹ gerettet haben. Das ist toll. Denn daraus ist die ›Glo-Reiche Nachbarschaft‹ entstanden. Innerhalb der GloReiche geht es vielen so: »Jetzt können wir ein-fach nicht mehr länger auf der Couch sitzen bleiben, jetzt wollen wir was bewegen. Wir haben doch nichts zu verlieren!« Natürlich sind es ernste The-men. Keine Frage, das kann man nicht wegdiskutie-ren, aber die Ideen, die wir bereits realisiert haben und noch werden, machen großen Spaß. Gemein-sam etwas zu tun, gemeinsam etwas zu erschaffen, das ist richtig schön.

Daniel: Und vor allem, wenn es auch noch Erfolge zeigt, wie es auch einige Male war – tatsächlich Exis-tenzen gerettet werden. Meine Erfahrung aus dem Ganzen ist: Es gibt drei wichtige Dinge, die man in so einer Situation machen muss, erstens mit Leuten reden, zweitens mit Leuten reden und drittens mit Leuten reden.

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